Wieviel Transparenz?
Angeregt durch einen Post von Adam (Pomomusings), indem er sehr detailliert sein erstes Date mit einer Katie beschreibt, haben mich über Transparenz im Blogging-Universum nachdenken lassen. Wir PoMo-Kids legen hohen Wert auf Authentizität und Transparenz. Und das ist gut so. Viele von uns (auch wir Männer :-)) haben deutlich weniger Schwierigkeiten offen und ehrlich über unsere Gedanken und Gefühle zu reden, als noch unsere Vätergeneration. Dafür ist unsere Neigung zum Seelenstriptease ebenso augenscheinlich (Talkshows, intime Beichten in Büchern) und lässt sich nun auch im Blogdom beobachten. Klar, jeder hat ein eigenes Empfinden, wann die Grenze zwischen ehrlicher Lebensmitteilung und Seelenstriptease überschritten ist. Aber gerade bei Adams Post (ich lese seinen Blog sonst gerne!) habe ich mich gefragt: Sind diese Details für die Web-Öffentlichkeit bestimmt? Warum lese ich das? Neugier? Voyeurismus? Und vor allem will und muss ich das überhaupt wissen?
Ich habe mein eigenes Blogging-Verhalten analysiert. Ich versuche eine gute Mischung zwischen Links, Berichten, Rezensionen, eigenen (theologischen) Gedanken und persönlichen Einblicken zu erreichen und bin mir bewusst, dass dies immer wieder eine Gratwanderung ist. Ein Blog als pure Linksammlung, wo ich nichts über den Menschen dahinter erfahre, interessiert mich auf die Dauer nicht, genauso wenig will ich aber eigentlich nicht wissen, wer in welchem Restaurant mit wem über was gesprochen hat. Bei meinem Post über Marisa (Sweetheart) habe ich mir selber diese Frage gestellt, was soll ich schreiben. Schliesslich habe ich viele Bekannte und Freunde (im World Wide Web), denen ich diese erfreuliche Neuigkeit mitteilen will, andererseits sind gerade Beziehungsfragen eine sehr intime Angelegenheit und Geheimnisse (also Dinge, die nur wir beide wissen) sind essentiell. Ich hoffe, ich bin mir da meinem eigenen Grenz-Empfinden gerecht geworden. Tendenziell mache ich die Beobachtung, dass auch im Blogdom Frauen mehr über persönliche Angelegenheiten bloggen und Männer mehr sachliche Posts setzen. Aber aufgepasst Männer, auch sachlich theologische Posts können sehr persönlich sein und evtl. bereut mann später eine unausgegorene theologische These ins Netz gestellt zu haben, wo sie zum Allgemeingut wird und da die Blogger-Ehre es verbietet, Posts zu löschen, bis in alle Ewigkeit Zeugnis unserer Grenzüberschreitung bleibt. Was meinen meine Fellow-Blogger und Leser zu diesen Gedanken? Wie viel Transparenz ist gesund?
Ja, Freunde!
Danke für die guten Posts! So macht es Spass. Marlin, dein Zitat ist sehr treffend. Versuchen wir "Storytellers" zu sein, die nicht auf "Stats" und "Anzahl" Comments schielen. Gar nicht immer so einfach. Mat, klar, geniessen wir Freiheit. Andrew Jones hat über die Blogging-Philosophie mal einen sehr guten Aufsatz geschrieben, lohnt sich sehr zu lesen. Wer interessiert ist, dann kann ich ihn mal mailen. Er ist nicht mehr auf Andrew's Blog. Ja, auch Blog-Fasten gehört dazu. Danke für eure Beiträge.
Kommentiert von: Mike | 19. Oktober 04 at 23:27 Uhr
Hey Mike. Tja, was soll man da machen. Das ist die sogenannte "Freiheit", die uns alles erlaubt - auch das Internet mit unserem Müll zu verdrecken. Blogs ersetzen keine menschliche Nähe, z. b. die Nähe von Kleingruppen, mentoring-relationships usw. Manche benutzen die Zeitung um ihre tiefsten und innigsten Gefühle zu ventilieren, andere (kranke) das Telefon, andere den Cyberspace.
Kommentiert von: danny | 19. Oktober 04 at 15:45 Uhr
hier einige Gedankensplitter: ich lasse mich als blogger nicht definieren. auch die blogger-Ehre, keine posts zu löschen, ist für mich kein Dogma. Ich denke, wir können uns selbst definieren. Freiheit scheint mir auch hier ein wichtiger Aspekt zu sein. Freiheit, mal nicht zu bloggen, nicht die besten Infos und Gedanken zu haben, nicht das coolste Design, nicht die neusten Infos zu haben, mit bloggen aufhören zu können,... . Es gibt keine rein sachliche Blogs, denn auch die harten Fakten sind auf ihre Art persönlich, zumindest bei der Auswahl derselben. Ich blogge, um zu kommunzieren, Teil eines Netzwerkes zu sein, statt MP3 tauschen wir Ideen, Tipps, Gedanken, Visionen aus, ein Netzwerk, eine Art News- und Denk-Community.
Kommentiert von: Mat | 19. Oktober 04 at 11:22 Uhr
Mike, gute Gedanken und gute Fragen, die du stellst. Da gibt es wohl keine richtige Antwort drauf, aber es ist gut, sich diese Fragen zu stellen. Ich mag vor allem den Hinweis auf die Zukunft: sind die Veröffentlichungen etwas, mit dem wir in undefinierter Zukunft leben können?
Ich bin heute über einige Artikel zur Psychologie der Weblogs gestoplert. Der gesamte Artikel ist gut, aber hier ist, was ich besonders treffend fand (wenn auch sprachlich etwas derb, sorry).
The Psychology of Weblogs: http://www.psychcentral.com/blogs/blog.htm
"Most weblogs are drivel, banal shit written by angst-ridden teenagers and adults sharing feelings, thoughts, and mind-numbing details about their daily lives that provide little insight into anything or anyone. But the gems can be found amongst the long-since abandoned or forgotten sites. These gems are personality- driven. That is, the person or persons writing for them are genuinely interesting. They are storytellers. They understand the need for a beginning, a middle, and an ending. They draw together like-minded links into themes for the day, for the week, for a lifetime. The authors of such weblogs and online journals have an inner drive for their work. They don’t look for adoration or attention from other folks online. It comes to them naturally by the power of their work, by the originality of their stories, or by the genuine nature of their words..."
Kommentiert von: Marlin | 19. Oktober 04 at 10:15 Uhr
Danke Mister Bon-Arne!
Das sind gute Gedanken. Du hast Recht, Poesie ist all den Emerging-Blogs noch wenig vertreten. Andrew Jones schreibt manchmal etwas in diese Richtung.
Kommentiert von: Mike | 19. Oktober 04 at 09:10 Uhr
Recht hast du! Also ich denke man muss sich nicht auf Sachfragen beschränken und nirgendswo steht dass man als Christ, der nachdenkt immer auf die Themen "Kultur" "Postmoderne" und "Kirchenformen" kommen muss, es gibt ja so viel worüber man nachdenken kann... Mit persönlichen Posts ist das sone Sache: ich kenne einige auschließlich persönliche Blog von Nichtchristen die trotzdem weniger wie ein Tagebuch sind sondern viel poetischer, kunstvoller. Man nimmt bei diesen Einträgen, die oft schon Kleinkunst sind, viel mit und es wirkt nicht penetrant. Vielleicht hätte sich oben genannter Herr doch ein neuen Blog extra für Tagebuchzwecke anschaffen können oder bei solchen sehr sehr persönlichen Sachen sich auf ein, zwei Sätze beschränkt....
Kommentiert von: BON-Arne | 18. Oktober 04 at 18:31 Uhr
Befindet sich die Schweiz in einem Reformstau, wie dies Rolf Schweiger, Präsident der FDP meint? Mehr>>>
Kommentiert von: zuyox | 18. Oktober 04 at 08:17 Uhr