Harte Fragen
Die meisten jener, die ihre Gemeinde/Kirche/Objekt/Organismus "Emerging church" nennen, werfen den "traditionellen Kirchen" oft vor, dass diese den Übergang von der Moderne zur Postmodernde verschlafen, vernachlässigt, bzw. ungenügend in ihre Kontextualisation einbezogen haben und darum im 21.Jahrhundert je länger je mehr auf verlorenem Posten stehen werden (Stichwort keine Revelanz). Ja, diesem Gedankengang stimme ich zu, wenigstens in der Theorie hat diese Beobachtung viel für sich. Wie sehen die Auswirkungen in der Praxis aus? Da ergeben sich für mich in letzter Zeit einige Fragezeichen, bzw. Knack-Nüsse!
Einige Zahlen:
> über Ostern 05 sind in der Saddleback-Church von Rick Warren ca. 4000 Menschen zum Glauben gekommen (Freitagsfax 05/16)
> Mars Hill in Seattle platzt aus allen Nähten,zur Zeit mehr als 3500 Besucher am Wochenende
> explosives Wachstum bei Hillsong London
> die Alt-Worship-GD's in England sind cool, aber finden in sehr kleinem Rahmen statt (vgl. Bericht von Marlin u.a.) und haben keine multiplikative Tendenz
> Scott McKnight: "Not long ago I spoke with a Christian leader who speaks quite often to
Emergent churches and this person told me that the Emergent movement
does not have that many conversions."
> Eindruck beim Lesen des Buches von Pagitt "Reimagining spiritual formation" (Solomon's Porch): fast alle der geschilderten Personen haben eine christliche Vergangenheit, kaum völlig "säkulare" Leute, wenigstens kommen die im Buch nicht/ oder nur ganz am Rande zu Wort!
Uff!? Ich weiss, diese Beispiele sind nicht repräsentativ und doch geben sie mir zu denken:
Fragen für die Diskussion:
>Warum erreichen postmoderne Gemeinden in der Postmoderne scheinbar weniger postmoderne Menschen als modern geprägte Mega-churches?
>Sind viele/einige EC's vor allem für enttäuschte Christen ein Auffang-Becken (ähnlich wie viele Hauskirchen), haben aber kaum "missionarische Kraft"?
> Ist Alt.Worship "nur" eine Ausdrucksform für christliche Künstler und Kreative, warum werden diese Anlässe nicht von "Cultural Creatives" überschwemmt, da diese Events doch deren Lebensgefühl perfekt kontexualisieren!
> Ist nicht überall "Missional" drin, wo "Missional" draufsteht?
> Gibt es gar keine eigentlichen "Bekehrungen" mehr, weil EC's mehr den Prozesss betonen? Aber wo bleiben die Taufen?
> Bis jetzt sehe ich kaum multiplikative organische EC's, die zwar klein sind, sich dafür aber wie die Kaninchen vermehren...
Unbequeme Fragen, (gerade auch für mich!!!), zugegeben etwas plakativ, aber dahinter steckt für mich ein Kernpunkt: wenn EC's in einem postmodernen Umfeld weniger Menschen zum Glauben führen als konventionelle Gemeinden dann ist irgendwo ein Hund begraben, den man besser früher als später ausfindig macht!
Ich war vor einem Jahr mit einer Gruppe von Pastoren zusammen. Unter ihnen ein Amerikaner mit einer mittelmäßig großen Community Church aus Arizona. Er sagte ganz offen: "Hey, das mit der Postmoderne verstehe ich und so. Aber das brauchen wir bei uns gar nicht. Wir haben einen "guten Erfolg" auch ohne [Emerging Church]."
Emerging Church ist nicht die einzige plausible Lösung!
Kommentiert von: Danny | 25. April 05 at 13:20 Uhr
Danke für die Comments und Posts dazu auf euren Blogs. Joachim, verlässliche Statistiken ist immer so ein Thema. Ich bin da auch skeptisch, aber eines muss man Saddleback lassen. In ihrem 25.Jahres-Jubiläums-Gottesdienst (live auf ihrer Website) bat Rick Warren alle aufzustehen, die in Saddleback zum christlichen Glauben gefunden haben und das waren unter den 30000 anwesenden Gästen doch eine ganz grosse Anzahl. Aber sicher gibt es auch "Rückfälle", aber die wird es immer geben...leider!
Kommentiert von: Mike | 25. April 05 at 09:33 Uhr
Danke für die Fragen, Mike. Gut, dass die mal einer stellt. Hab' mal wieder grad' keine Zeit, aber ich werde da bestimmt wieder reinschauen.
Pressing on!
Kommentiert von: _dave_ | 23. April 05 at 19:03 Uhr
Hei Mike... gute Fragen
viel zum Nachdeneken und zum beachten... Werde mich mal in ein paar Antworten versuchen... watch out on: www.pfaffe3000.de
Kommentiert von: mark | 23. April 05 at 15:29 Uhr
Mr Life-Navigator: gute, interessante und wichtige Gedanken! Es ist die Realität, die letztlich über die Theorien entscheidet (aka, welche Früchte tragen Gemeinden).
Was mich stört ist dieses krampfhafte Versuchen, emerging zu sein. Man stellt Kriterien auf und bewertet dann sich selbst und andere, ob man emergent ist. Als ob "emerging" das Ziel wäre. Für mich ist das Ziel, Gemeinde in der Kultur von heute zu sein. Das kann ganz unterschiedliche Formen haben. Ob das dann "emerging" Charaktieristiken hat oder nicht, ist doch egal. Wenn ich mit emerging 10 Leute erreiche, und mit moderne, von-vorne-vollpredigen 100 Leute, dann bin ich lieber modern.
Allerdings sehe ich diese Diskussionen und Versuche auch als ein R&D Versuch der Gemeinde. Wie in jeder Abteilung, in der Prototypen entstehen, wird viel reingesteckt für wenig Output. Aber der wenige Output kommt nachher in die Standardware und bringt die neuen Verkaufszahlen. Vielleicht sind die Experimente mit Third Places, Multisensory Worshp etc die Dinge, die in 20 Jahren notwendig sind, um einen Rick Warren mit Mega-Ministry entstehen zu lassen. Es ist wohl die Frage, was das Ziel der Gemeinde, Initiative oder Diskussion ist. Schnelle Ergebnisse lassen sich wahrscheinlich besser durch Leben-mit-Vision erzielen - auch heute.
Kommentiert von: Marlin | 23. April 05 at 11:01 Uhr
Gibt es eigentlich irgendwo verläßliche Statistiken über so was? Wie viel Prozent Wachstum solche Gemeinden tatsächlich haben, wie hoch die "Rückfallquote" ist, welchen Multiplikationsfaktor die neu bekehrten Leute später in deren Laben haben, usw.?
Kommentiert von: Joachim S. Müller | 23. April 05 at 10:41 Uhr