Die letzte Einheit leitete Alan mit einem kurzen Exkurs über „Hauskirchen“
ein. Er mag den Begriff „Hauskirchen“ nicht besonders, weil „Haus“ (oikos) im
NT eine viel umfassendere Bedeutung als unsere individualistischen Wohnsitten.
Alan Hirsch spricht zwar viel von organischen Kirchen, aber seine Gemeinde
trifft sich nicht in Häusern, sie treffen sich in sog. „Third Places“. Was ist ein
„Third place“? Ich führe hier nicht
Alan’s Beschreibung an, sondern eine Definition, die Mark mal (noch auf seinem
alten Blog) gepostet hat:
„Third Places beschreiben in Abgrenzung zum „First Place”, dem Zuhause, und dem „Second Place”, dem Arbeitsplatz, halböffentliche Räume, die über ihr eigentliches Angebot hinaus wichtige soziale Funktionen für die Gesellschaft übernehmen, ähnlich dem Marktplatz im Mittelalter – „homes away from home”, wie etwa Freizeitparks und Wellnesscenter, Sportstätten, Shopping Malls, Internetcafes etc."
An solchen Orten sind
Menschen meistens entspannter als am Arbeitsplatz, weil „Third Places“ vor
allem in der Freizeit eine Bedeutung haben. „Gottesdienst“ an solchen Ort muss
natürlich kontextualisiert werden, da funktioniert die klassische „Preach &
Softpop-Worship“-Variante kaum. Leider hat Hirsch an dieser
Der Hauptpunkt des letzten Referats kreiste um seine These „ Communitas not community“. In seiner Terminologie greift Hirsch dabei auf die Beobachtung des Ethnologen Victor Turner zurück, der sog. Übergangsriten (zwischen Knabe und Mann) in afrikanischen Dörfer untersucht hat. Hier ein kurzer Auszug aus Wikipedia:
Turner fand heraus, dass gerade in unsicheren Zeiten der Veränderung und des Wandels Symbole und Rituale angewendet werden, um Sicherheit angesichts der Ungewissheit herzustellen. Einige Jahrzehnte nach Arnold van Gennep schließt Turner an dessen große Ritualtheorien an. Laut Turner entsteht in einem Ritual unter Teilnehmern, die gemeinsam die Liminalität durchlaufen (die Zwischenphase im Passageritus nach van Gennep) eine Gemeinschaftlichkeit, die mit Hilfe der Symbole und des tänzerischen und musikalischen Ablaufs eine gemeinsame, neue Identität herstellen kann. Diese Identität kann verfestigt und betont werden, indem sich das Ritual als Ereignis vom Alltag abhebt und eine Gegenwelt zum Alltag erzeugt....
Diese besondere Gemeinschaftlichkeit bezeichnet er als Communitas und kennzeichnet insbesondere, dass innerhalb einer Communitas keine klaren sozialen Strukturen bestehen, sondern wenigstens für die Dauer des Rituals "alle gleich sind". Turner zeigt das insbesondere an einem Ritual zur Einsetzung eines Häuptlings, in dem die sonst allgemein üblichen hierarchischen Regeln aufgehoben sind. Hier haben Akteure, die innerhalb der Liminalität und damit außerhalb der Gesellschaft stehen, die Macht, Dinge zu tun oder zu sagen, die innerhalb der Gesellschaft nicht erlaubt wären.
Eine weitere Beobachtung ist, dass Menschen, die gemeinsam eine Liminalität durchlaufen haben, einander häufig verbunden bleiben. Wenn die in der Liminalität durchlaufene Veränderung besonders tief ist, kann diese Verbundenheit durchaus ein Leben lang andauern.
Alan bezieht den Begriff der Communitas nun auf die Gemeinde: eine Gemeinschaft, die durch Gefahr, Risiko und Herausforderung aneinandergeschweisst wird. Die Chinesen und die ersten Christen erlebten Communitas. Sie erlebten Gefahr, sie wurden verfolgt und unterdrückt. Als weitere biblische Vorbilder sind zu nennen: Abraham, Jakob, Nehemia, Mose & der Exodus, die Exilerfahrung, auch Jesus und seine Jünger erlebten Communitas. Dieser Charakterzug sollte für Gottes Volk normativ sein, nicht einfach eine Übergangssituation oder Ausnahmeerscheinung. Eine Abenteuergeschichte mit Gefahren. Wie setzt dies Alan um? Bei Forge, seinem Trainingsnetzwerk, fordern sie die Teilnehmer mit folgender Frage heraus: „Wo ist der nächste Schritt ausserhalb deiner Komfortzone? Man kann Mission nur lernen im Kontext von Mission, da wo man es tut, wo Unsicherheit da ist. Jede ihrer Gemeinschaften hat eine besondere Mission, ein Engagement in die Welt, in der sie leben.
Was der Film Nemo, Aquarien und neuseeländischen Jügendgruppen miteinander zu tun haben, erzähle ich nun nicht, schliesslich muss es doch noch einen Vorteil haben, live vor Ort an einer Konferenz dabei zu sein :-). Aber eine Buchempfehlung von Alan leite ich gerne weiter: Surfing the Edge of Chaos von Richard Pascale.
So das war er, der erste grosse FGI-Kongress. Eine Workshop-Einheit und eine Hirsch-Session habe ich verpasst, sonst war ich dabei. Ich ziehe ein gutes Resumée für mich persönlich. Besonders geschätzt habe ich die persönlichen Begegnungen mit Bloggern und Nicht-Blogger, Beziehungspflege in Raum und Zeit. Allerdings waren doch zuviele Leute, so habe ich nicht mit allen gesprochen, mit denen ich gerne etwas ausführlicher ausgetauscht hätte. Alan Hirsch hat mir gefallen, auch wenn vieles ähnlich war wie im Buch, so bin ich froh, ihn live getroffen zu haben. Seine Gedanken inspirieren mich und werden mich begleiten. Etwas schwierig fand ich die grosse Bandbreite der Teilnehmer. Von langjährigen Experten bis zu solchen, die vorher wohl noch nie das Wort "missional" oder "emerging church" gehört haben, war alles vertreten. Einerseits schön, dass diese Gedanken beginnen weitere Kreise zu ziehen, andererseits hätte ich gerne im kleineren Rahmen so in Wohnzimmeratmosphäre gerne mit ein paar Leuten diskutiert... Aber man kann nicht alles haben. Zum Schluss noch ein paar Links zu anderen Berichten.
Tobias hat gute Gedanken zum Kongress, auch Peter stellt scharfsinnige Fragen und ein anderer Peter hat schlicht sehr schöne Fotos gemacht. Björn ist daran seine Lektionen zu verarbeiten... und andere haben gerade angefangen zu bloggen! Yes!
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