In den letzten Wochen habe ich mich vermehrt mit dem Wesen von Kritik beschäftigt. Ich meine damit nicht, ob ich den FC Bayern gut finde oder nicht, oder was ich von George W. halte, sondern in welchem Rahmen Kritik gegenüber Entwicklungen, Bewegungen und christlichen Gemeinden nötig und nützlich ist. Oft hört man in diesem Zusammenhang die beiden grossen Schlagworte "Liebe" und "Wahrheit", meist in gegensätzlicher Anwendung. Ich möchte das Thema anhand zweier Extremstandpunkte aufgleisen. Auf meine Kritik an Wort & Geist habe ich kürzlich folgende Rückmeldung erhalten: "Kritisieren und schlecht reden ist nicht der Auftrag sondern die LIEBE." Unter der moralischen Wucht der "Liebe" wird jede kritische Anfrage erstickt, bzw. sie wird meist implizit mit dem Stigma der Ungeistlichkeit gebrandmarkt. Auf der Gegenseite gibt es in der Blogosphäre einige Seiten, die sich als Wächter vor dem Herrn verstehen und Tag für Tag den Abfall dieser oder jener Bewegung von der "absoluten Wahrheit" beklagen und mit Abtrünnigen kurzen Prozess machen: "Hollow Men of the Ecumenical Church of Deceit" ( Ich nenne keine Links, weil ich diesen Seiten keine zusätzliche Google-Power geben will. Aber wer sucht, der wird finden....). Weder menschlich noch theologisch können diese Extremstandpunkte überzeugen. Stichwortigartig will ich einige Gedanken zu einem "dritten Weg" skizzieren und bin gespannt auf eure Ergänzungen, Widersprüche und Meinungen.
- Das griechische Verb "parakaleo" im NT kann sowohl mit "ermutigen" als auch "ermahnen" übersetzt werden. Häufig tut man gut daran, beide Bedeutungen gleichzeitig zu erwähnen. Zwillinge der selben Mutter. Wer nur kritisiert und nie lobt und ermutigt, wird auf die Dauer nicht mehr gehört. Diese Willow-Warren-Emergent-Basher-Blogs werden darum unglaubwürdig, auch wenn nicht alles unberechtigt ist, was sie propagieren...
- die Beziehung/ Liebe zu Jesus ist zentral. Doch wenn wir das Neue Testament genau betrachten, z.B. Paulus ansehen, der ja das Hohelied der Liebe in 1 Kor 13 geschrieben hat, merken wir, dass Liebe und Wahrheit zusammen gehören. Es braucht beides. So schreibt eben Paulus sein ergreifendes Bekenntnis zur Liebe im 1 Kor und im Galater erleben wir ihn wie er mit Leidenschaft für "gute Theologie" (Vgl. vor allem Kapitel 1-4) ringt und dabei nicht gerade zimperlich ist. Und in dieser doppelten Verantwortung stehen wir. Einerseits die Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen zu pflegen, aber auch mit bestem Gewissen und Verstehen theologisch zu arbeiten. Das ist manchmal eine Gratwanderung, aber beides muss seinen Platz haben. Sonst haben wir entweder ein theologie-und denkfeindliches Christentum oder einen kalten intellektuellen Glauben.
- Wer nur dem Gegner vorwirft, er sei vom "Zeitgeist" geprägt, aber seine eigenen Prägungen und Schlagseiten nicht wahr haben will, muss sich nicht wundern, wenn seine Argumentation als arrogant eingestuft wird.
- Die Phrase "Der Herr hat mir deutlich gesagt, dass du...." killt jede Konversation. Wer will schon gegen Gott sein? Fazit: geistlicher Anstrich, hinter dem sich oft entweder Macht-und Kontrollgelüste oder Unsicherheit verbirgt.
Ich hoffe natürlich ich werde meinen eigenen Ansprüchen gerecht. Feedback nehme ich gerne entgegen! Wie würdet ihr eure Kernsätze gegenüber Kritik formulieren?
brisantes und absolut aktuelles thema! ein punkt, der für mich immer wichtiger wird, ist das vorbild/leben des kritikers selbst. es ist einfach, die fehler bei den anderen zu suchen und finden. doch wie sieht mein leben in diesen punkten wirklich aus? lebe ich selber ein gutes beispiel in den kritisierten punkten vor?
--> fordere nichts, was du nicht selber bieten kannst! denn unsere massstäbe werden auch bei uns angelegt werden!
eigentlich ist dieser punkt banal und völlig klar und doch vergesse ich ihn selber immer wieder.
eine frage zum nachdenken: wie kann ich als fehlerbeladener mensch überhaupt andere zurechtweisen? wir haben den auftrag dazu, doch sollte der uns eher ins zittern bringen als überheblich werden lassen.
Kommentiert von: wenky | 12. September 06 um 14:07 Uhr
Ein krankes Thema unter uns Frommen. Entweder wird im Namen der Liebe alles tatsächlich durch die "rosarote Brille" gesehen, oder man beansprucht gleich den "Röntgendurchblick", mit dem man meint, alles, bis in die verborgendsten Motive, durchschaut zu haben. Ich muss leider zugeben, mich selbst bereits in beiden Extremen bewegt zu haben. Paulus hat da meine Einstellung zur Kritik sehr verändert (1Kor. 4,1-5):
"1 Dafür halte man uns: für Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes. 2 Übrigens sucht man hier an den Verwaltern, dass einer treu befunden werde. 3 Mir aber ist es das Geringste, dass ich von euch oder von einem menschlichen Gerichtstag beurteilt werde; ich beurteile mich aber auch selbst nicht. 4 Denn ich bin mir keiner Schuld1 bewusst, aber dadurch bin ich nicht gerechtfertigt. Der mich aber beurteilt, ist der Herr. 5 So verurteilt nichts vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenbaren wird! Und dann wird jedem sein Lob werden von Gott."
Folgende Dinge sind mir dabei bei gebender und empfangender Kritik wichtig geworden:
1. Wir müssen wissen, wer wir sind!
2. Wir müssen unsere Berufung kennen.
3. Wir müssen unsere (begrenzte) Verantwortung kennen.
4. Wir müssen eine gelassenere Haltung zur Kritik entwickeln.
5. Wir sollten in Demut dem Urteil Gottes über uns die höchste Piorität geben.
6. Wir sollten mit Kritik nicht voreilig sein
7. Wir sollten erkennen, dass Gottes wichtigste Beurteilungskriterien für uns oft (noch) verborgen sind.
8. Wir sollten daran denken, dass es Gott viel daran liegt, zu loben!
Und überhaupt gibt es da meiner Meinung nach so eine Art "Goldene Regel": "Kritisiere andere immer nur in der Art und Weise, wie Du selber gern Kritik empfangen möchtest!"
Kommentiert von: Jacob Wiebe | 12. September 06 um 08:31 Uhr
Danke für deine Ergänzungen!
Kommentiert von: Mike | 11. September 06 um 10:20 Uhr
Guter Post. Ich finde es auch schade, dass wir heute immer weniger in der Lage sind, gesund und nach biblischen Massstäben zu kritisieren. Du hast es richtig erfasst: Entweder wird alles in der Luft zerrissen was nicht meine Meinung ist oder in Wattebausch gehüllt. Aber ich finde beides nicht in der Bibel. Sondern: Was falsch läuft wird angesprochen, ja, aber das in einem definiert begrenzten Bereich: Bei Irrlehre. Galater, auch Philipper, oder sehr gutes Beispiel: Judas. Wie Judas gegen Irrlehrer schreibt ist wirklich krass. Andererseits dient Kritik dem Zweck, dass man wieder geradegerückt wird. Motivation der Kritik ist also Liebe. Die andere Person soll nicht mit einem falschen Bild von Gott, Jesus etc. leben. Was aber definiert werden muss, ist: wann ist ein Irrlehrer ein Irrlehrer? Für mich ist der Lackmus-Test für Irrlehre bisher die Einstellung zu Christus: Welches Bild von Christus hat die Person und zeichnet die Person? Ein anderer Eckpunkt wäre das ethische Verhalten. Aber das habe ich bisher noch nicht konkreter durchdacht. Das steht noch auf meiner To-Do-Liste.
Kommentiert von: kapeka | 10. September 06 um 23:39 Uhr