Vor einigen Wochen habe ich nach praktischen Alternativen von EC-Kritikern gefragt. Ron Kubsch hat in einem Kommentar kurz geantwortet, Sebastian Heck (Lebensquellen) hat in einem längeren Post darauf Bezug genommen. Diese Reaktionen haben mich gefreut. Ich möchte hier kurz auf einen Punkt in Sebastian's Beitrag eingehen und meine Sichtweise präziser umschreiben. Zum besseren Verständnis meiner Antwort ist es sinnvoll, zuerst den ganzen Post von Sebastian zu lesen. Ich werde hier nur einzelne (und darum verkürzte) Zitate bringen.
Bevor Sebastian kurz (und aus meiner Sicht immer noch sehr theoretisch) seine Sicht der praktischen Gemeindearbeit darstellt, untersucht er verschiedene Prämissen. Darin stellt er gute und wichtige Fragen zum Verständnis von Kultur, Gesellschaft und Theologie (Soteriologie, Ekklesiologie). Auf eine dieser Prämissen möchte ich nun eingehen. Sebastian beschreibt darin folgende Überzeugung:
Aber ich bin nicht davon überzeugt, dass wir in Deutschland im Jahre 2007, fast 2008, in einer postmodernen Gesellschaft leben. Auch hier eine kleine biografische Notiz: als ich in den USA lebte und studierte, habe ich mich viel mit der Postmoderne auseinandergesetzt. Ich hielt das auch für DAS Problem, das die Kirche zu überwinden habe. Diese Meinung nahm ich dann auch zurück nach Deutschland. Doch siehe da, je länger je mehr wurde ich überzeugt davon, dass das, was ich in den USA über die postmoderne gelernt hatte einfach nicht auf die deutsche Situation passte, ja dass die Postmoderne in Deutschland noch nicht (oder vielleicht nie?) gelandet ist und großen Einfluss ausgeübt hat.
Im weiteren Verlauf bringt er folgende Unterscheidung ins Spiel:
Die Frage ist hier: was ist die vorherrschende Weltanschauung: das, was die Akademie (also die Philosophen und Theoretiker) propagiert oder das, was auf der Straße wirklich geglaubt und gelebt wird? Hier wäre mit Kierkegaard (?) an die Unterscheidung zwischen dem philosophischen Palast und der Hütte des Lebens zu denken.
Vereinfach gesagt, könnte man mit Sebastian fragen: leben wir überhaupt in der Postmoderne? Oder ist das bei uns EC-Leuten grosse Schlagwort vom Epochenwechsel, von der Moderne zur Postmoderne nur ein Schattengespenst?
Die Frage nach einer präzisen Begrifflichkeit ist schwierig. Schon als ich 1999/2000 eine Arbeit zur Thematik der "Postmoderne" geschrieben habe, habe ich mit den Begriffen gekämpft (Bischoff 1999:5):
Darum bezeichne ich unsere heutige Zeit strikt als Postmoderne, zur Vereinfachung. Da der Begriff formal eben nur eine zeitliche Einordnung zur Moderne darstellt, ist er inhaltlich an sich neutral, das heisst nicht ideologisch gefärbt. (vgl. dazu im Gegensatz die Begriffe „Renaissance“, „Aufklärung“). Wichtig und sinnvoll scheint mir darum in diesem Zusammenhang die Unterscheidung von Postmoderne und Postmodernismus. Postmoderne ist dann eben die schlichte Bezeichnung unserer Zeit, temporal und nicht qualitativ verstanden, Postmodernismus dagegen wäre die Ideologie, die sich in dieser Zeit manifestiert. Dieses Wortpaar könnte zur Verdeutlichung auch als Zeit (Postmoderne) und der in ihr herrschende Zeitgeist (Postmodernismus) umschrieben werden. In der Praxis lassen sich diese zwei Begriffe jedoch nicht immer so deutlich und klar unterscheiden.
Mittlerweile verwende ich selber den Begriff "Postmoderne" seltener als früher, gerade auch, weil er immer wieder für Missverständnisse sorgt. Wenn ich den Begriff heute verwende, denke ich NICHT oder kaum an die französischen Philosophen, die den Begriff in die Philosophie eingeführt haben (Lyotard u.a.). Da gehe ich mit Sebastian einig. Die Beschäftigung mit Denkern wie Derrida, Lyotard, Baudrillard ist meines Wissens im deutschen Sprachraum eine Randerscheinung geblieben. Und wenn, dann höchstens Thema in den Hörsälen einiger philosophischer Fakultäten. Dies würde ich als den philosophischen Postmodernismus französischer Spielart bezeichnen. Dem würde in Sebastians Beitrag "der philosophischen Palast" entsprechen. Doch das ist ja nur eine Seite der Medaille. Denn es gibt ja auch noch die "Hütte des Lebens". Und das ist die Seite, die mich vor allem interessiert. Ob man diese alltägliche "Strassenphilosophie" von Herrn und Frau Muster als "Postmoderne" bezeichnen will, obwohl diese Zeitgenossen noch nie von Derrida & Co. gehört haben, ist sicher berechtigt. Doch ich wüsste im Moment keine anderen Begriff, der die umfassenden Gesellschaftsumwälzungen der vergangenen Jahrzehnte besser einkleidet, als eben das umstrittene "Postmoderne". Ja, Sebastian, das ist meine Prämisse: ich gehe tatsächlich davon aus, dass heute ein Grossteil (nicht alle!) in vielen Bereichen anders denkt und lebt als noch ihre Grosseltern. Dies betrifft nicht nur weltanschauliche oder religiöse Fragen, sondern zieht sich durch die meisten Bereiche des (alltäglichen) Lebens. Natürlich spielt hier die Generation, das Bildungsniveau, ein ländlicher oder Grossstadthintergrund eine Rolle in der spezifischen Ausprägung. Und natürlich ist nicht alles anders (vgl. dazu mein Post zum Thema Charakter) und doch sind gewichtige Veränderungen geschehen. Wie dem sagen? Solange ich keinen passenderen Begriff gefunden, bezeichne ich diesen Wandel als "Postmoderne"; im Wissen, dass z.B. der Begriff in der Architektur bereits wieder out ist und wie angetönt auch der philosophische Postmodernismus heute kein Trendthema mehr ist.
Von einer etwas anderen Seite hat Andrew Jones im IGW-Seminar "Postmoderne" im Herbst 2002 etwas schematisch die Frage aufgerollt. In einem seiner Referat hat er drei Formen von "Postmoderne" vorgestellt:
70er & 80er: Deconstructive (alles Alte niederrreissen, Dekonstruktion): Beide abgrenzend gegenüber der Moderne & Aufklärung; rückwärtsgewandt.
90er: Intuitive, surfing, Playing:„Post-Post-Modernism“ >Zukunftsgerichtet…..Schlüsselworte: Holismus, Gemeinschaft, Spiritualität
Diese schematische Unterscheidung ist sicher nicht allzu postmodern, doch sie hilft meinen Gedanken zu veranschaulichen. Wenn ich heute von "Postmoderne" spreche, habe ich vor allem Andrews 90er-Variante vor Augen und nicht die 70/80er-Version, die ich mit den französischen Philosophen identifiziere. Und diese zwar weniger philosophisch-geprägte, dafür mehr spirituelle, alltägliche Form von "Postmodernismus" treffe ich in meinem Alltag Schritt auf Schritt.
Ich hoffe, dieser Beitrag hat etwas präzisiert, warum ich heute zwar etwas zögerlich, aber immer noch den Begriff "Postmoderne" verwende. Warum ich diese Erkenntnisse für wichtig halte und in welchem Bezug sie zur Ekklesiologie stehen, ist ein weiterer Post wert. Coming soon.
Fragen? Bemerkungen?
Lieber Mike,
danke für die Präziserung Deines PoMo-Verständnisses. Ich stimme Dir weitgehend zu und gehe in einem Post auf meinem Blog näher darauf ein: http://www.theoblog.de/?p=203
Liebe Grüße, Ron
Kommentiert von: Ron | 05. Januar 08 um 14:27 Uhr
Lieber Wegbegleiter
Danke für deine Inputs. Ja, es ist bei vielen Menschen ein Gemisch, da hast du Recht. Es gibt selten jemand, denn man als aussschliesslich postmodern in seinem Denken und Handeln bezeichnen könnte. Da mag auch daran liegen, dass wir meiner Meinung nach in einer Übergangszeit leben (engl. Time of transition). Moderne und Postmoderne überlagern sich. Je nach Person, ist die eine oder andere "Bewegung" stärker vorhanden. Ob wir später aus der Rückschau nur diese Übergangszeit als Postmoderne bezeichnen werden oder der die ganze kommende Zeit, ist offen. Und letztlich für mich auch nicht entscheidend. Ich klammere mich nicht an Begriffe. Sie sind Denk-und Arbeitshilfen, mehr nicht. Wenn sie hilfreich sind, brauche ich sie; wenn es bessere Begriffe gibt, habe ich keine Scheu sie aufzunehmen.
Anderes Thema: du sprichst das Herz an, die man mit einer zu postmodernen Ausrichtung nicht erreicht. Das ist so...das kann nur der Heilige Geist. Ich halte aber auch nicht viel von Kirchen mit postmoderner Ausrichtung. Doch davon mehr in einem separaten Post.
Kommentiert von: Mike | 31. Dezember 07 um 10:56 Uhr
Vielleicht müsste man nach Bevölkerungsgruppen aber auch nach Bewusstseinsschichten unterscheiden. Mir ist die ganze Schubladisiererei einfach zu statisch. Eigentlich sind wir offiziell schon in der Postpostmoderne, in den Herzen und Köpfen der Menschen herrscht aber in großen Teilen noch die Moderne, gerade wenn es ans Eingemachte geht. Da höre ich immer noch von ganz vielen Männern mittleren Alters: ich glaube nur, was ich sehe oder was sich beweisen lässt. Und, schwupps, sind wir wieder im 19. Jahrhundert oder zumindest Anfang des 20. Jahrheunderts. Unser Philosophiedozent pflgte davon zu sprechen, wie lange Strömungen brauchen, um im Bodensatz des Denkens in der normalen Bevölkerung anzukommen. So finden sich oberflächlich viele postmoderne Charakteristika, je weiter und tiefer man aber im Denken und Empfinden eines Menschen vorstösst, desto moderner oder gar noch weiter zurück geht die Sache. Das Risiko besteht also bei einer zu postmodernen Ausrichtung, dass wir als Kirchen/Freikirchen die äußere Hülle antriggern und damit auch erreichen, aber das Herz nicht unbedingt! Vielleicht sind dynamische Modelle (Wiederspruch in sich) wie spiral dynamics hier hilfreich, um diese Schichtungen differenzierter darzustellen.
Kommentiert von: Wegbegleiter | 31. Dezember 07 um 09:27 Uhr
Hallo Kapeka. Vielen Dank für deine präzisen Ergänzungen. Sehr wertvoll.
Kommentiert von: Mike | 30. Dezember 07 um 21:51 Uhr
Gute Analyse. Das ist schon interessant. Die einen sagen, wir haben noch keine Postmoderne in Deutschland, die anderen sagen, wir wären schon viel weiter als z.B. die USA.
Die Meinungen darüber sind Legion. Und sie hängen ganz stark davon ab, wonach man überhaupt sucht und schaut.
Ich selbst würde es so sehen wie du und ich halte die Unterscheidung zwischen "philosophischer" und "soziologischer" Postmoderne für wichtig. Natürlich philosophiert nicht jeder da draußen über Derrida und Lyotard. Das aber definiert ja nicht, wie postmodern unsere Gesellschaft ist.
Die postmodernität unserer Gesellschaft definiert sich darüber, wie sehr sich die Grundprämissen des Postmodernismus im Denken der Menschen implizit oder Explizit wiederfinden.
Und da denke ich, dass Deutschland da definitiv stark von postmodernen Grundüberzeugungen geprägt ist, wenn natürlich auch nicht in "philosophischer reinform" (was nicht überraschend ist).
Vielleicht sehen wir das einfach nur nicht so deutlich, weil sich das über Jahrzehnte hinweg entwickelt hat und schleichend voranschreitet. Mein Bruder z.b. sieht das momentan in Polen viel konzentrierter, weil die Entwicklung dort viel plötzlicher und kompakter geschah.
Die Tendenz ist aber auf jeden Fall auch in Deutschland vorhanden.
Kommentiert von: kapeka | 30. Dezember 07 um 21:17 Uhr