Ein paar Gedankensplitter an einem flirrend heissen Frühsommersonntag, unausgegoren und polarisierend Einhellig ist der Tenor der Emerging-Church-Literatur: die ausgeprägte Konsumhaltung der westlichen Gesellschaft ist ein Hindernis auf dem Weg zu einem reifen und ganzheitlichen Glauben. Amen! In dieser Feststellung folgt sie weitgehend den Gedanken der sog. radikalen Evangelikalen, die seit 40 Jahren einen einfachen Lebensstil predigen. Materielle (und religiöser) Konsum ist eine nie gesättigte Riesenschlange. Kaum ist das letzte Objekt verschlungen, steigt die Lust auf weitere Opfer in der Menüliste. Die Konsum kommt nie zur Ruhe. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir dies aus eigener Erfahrung nur zu genau. Konsum befriedigt nicht und kann zu Habgier führen. Habgier ist die übersteigerte Version der Konsumhaltung. Immer mehr, immer schneller. Die theologische Wertung der Habgier ist laut biblischen Texten klar: Habgier ist Götzendienst (Kol 3,5). Soweit so gut. In diesem Punkt werden sich die (christlichen) Denker einig sein. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit Konsumgütern ist gefragt. Keine Rauschkäufe, keine unnötigen Luxusartikel, eben ein einfacher Lebensstil.
Doch in all diesen Büchern (lese z.B. aktuell Frosts "Exile") kommt kaum zur Sprache, wie sich ein solcher Lebensstil auf die makroökonomischen Strukturen auswirkt. Wäre es z.B. wünschenswert, wenn sich alle westlichen Staaten auf diesen Lebensstil einlassen, d.h. bewusst und spürbar weniger konsumieren. Vielleicht lesen wir von diesen Überlegungen weniger, weil Theologen und nicht Ökonomen schreiben. Da ich selbst Theologe und kein Wirtschaftsexperte bin, bin ich wohl nicht die beste Referenz für solche Thesen. Also stelle ich einfach mal ein paar (naive) Fragen und hoffe unter meiner Leserschaft befinden sich ein paar versierte Ökonomen.
Meine "Milchbüchli"-Rechnung:
wenn wir alle deutlich weniger konsumieren (aus weltanschaulichen Gründen und nicht weil eine Wirtschaftskrise uns dazu zwingt!), braucht es weniger Güter und damit verbunden fallen früher oder später eine ganz Reihe Jobs weg. Ganze Wirtschaftszweige bauen auf Konsum auf (Produktion, Vertrieb, Verkauf, Administration). Was würden all diese Buchautoren denn den neu geschaffenen Arbeitslosen empfehlen? Wie sollen sie ihr Brot verdienen? Zurück zur Agrargesellschaft können wir kaum. Noch mehr Versicherungen und Banken? Kaum! Sprung in die Kunst und Kreativität? Mehr Therapeuten? Mehr Sozialarbeiter? Mehr Pastoren? Mehr Gesellschaftsanalytiker? Mehr Blogger?
Nun ja, lassen wir es mal. Was denkt ihr? Ist Konsumverzicht für ganze Gesellschaften wünschenswert? Und wenn ja, in welchem Bereich würdest du neue Jobs schaffen? Natürlich sind auch die Meinungen von Theologen willkommen :-).
Ich bin zwar auch kein Ökonom, sondern wie du Theologe, aber mir gehen diese Gedanken schon lange durch den Kopf.
Mein erster Gedanke ist der: Müssen wir nicht auch hier außerhalb der Box denken. Es herrscht eine Ökonomie, die auf Deckung des Bedarfs beruht. Wenn es keine Bedarf gibt, dann wird durch Werbung bedarf geschaffen, in dem die tiefsten Wünsche der Konsumenten angesprochen werden. Ziel ist es, den Gewinn zu maximieren und sich damit mehr leisten zu können. Wenn wir nun nicht von von solch einem Kreislauf ausgehen, in dem das Geld und die Geldvermehrung im Mittelpunkt stehen, dann kommen, wie Walter andeutet, Kunst, Kultur, Soziales, Bildung u.a. in den Mittelpunkt und auch solche Aspekte wie Forschung würden anders bewertet werden.
Dass wir noch nicht angefangen haben über solch eine Welt und solch eine Gesellschaft nachzudenken, ist weil sie uns zu schön erscheint, als wahr zu werden. Es wäre ein Paradigmenwechsel in der Ökonomie, weg vom Geld als der Triebkraft, die alles am Laufen hält.
Na ja, soweit mal meine Gedanken ins unreine geschrieben. Wenn ich versuche mit Ökonomen und Wirtschaftswissenschaftlern in meinem Bekanntenkreis darüber zu reden, dann stoße ich ehr auf Ablehnung, weil sie es scheinbar nicht schaffen oder ablehnen, außerhalb ihres Denkrahmens unseres ökonomischen Systems zu denken.
Kommentiert von: Tobi. G. | 01. Juni 09 um 12:01 Uhr
Danke Walter für deinen Kommentar. Ja, eine 30-Stunden-Woche wäre sicher eine gute Sache. Die würde aber auch bedeuten, dass Konsumverzicht gleichzeitig auch die Bereitschaft beeinhaltet, weniger zu verdienen. Die beiden hangen natürlich zusammen, doch sind sie meiner Meinung nach nicht kongruent. Es könnte ja auch, dass jemand bewusst weniger kauft, sich dafür, wenn er kauft, teurere Sachen leistet. Wenn ich dies so schreibe, wird mir bewusst, wie tiefgreifend eine solche Wandlung wäre. Da scheinen wir im Moment doch noch weit davon entfernt. Allerdings zwingt die gegenwärtige Krise einige sich bereits sehr real mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.
Kommentiert von: Mike B. | 24. Mai 09 um 22:08 Uhr
Eine Gesellschaft, in der ein von dir beschriebener ethisch motivierter Konsumverzicht so sehr um sich greifen würde, dass er makroökonomische Konsequenzen hätte, wäre schon eine andere Gesellschaft. In so einer Gesellschaft wäre es sicher kein Problem, die dann noch notwendige Arbeit so umzuverteilen, dass alle weniger arbeiten müssten und mehr Zeit für nette Sachen hätten. Die 30-Stunden-Woche würde das Problem lösen, und man hätte noch Ressourcen frei für Kultur, Lernen, Hilfe im In- und Ausland usw.
Kommentiert von: Walter | 24. Mai 09 um 20:54 Uhr