Die narrative Form des Theologisierens scheint "in" zu sein." Die Hütte" von William P. Young feiert weltweit Grosserfolge und ist seit Wochen in den Top-Ten der schweizerischen Belletristik-Charts. Etwas was einem "frommen" Buch wohl in der Schweiz noch kaum je gelungen ist. Auf einer ähnlichen Schiene bewegt sich "Der Schrei der Wildgänse" von Wayne Jacobsen und Dave Coleman. Bereits 2006 erschienen, also noch vor der Hütte, erzählen die Autoren darin die fiktive Geschichte eines gefrusteten Pastors, der sich aus den Fängen der institutionellen Christenheit befreit und sich einer stark relationalen, im Alltag verwurzelten Form der Christus-Nachfolge zuwendet. Eine mysteriöse Gestalt mit Namen "John" inspiriert die Hauptfigur ihre bisherigen Ansichten und spirituellen Praktiken radikal zu hinterfragen. Das Buch schildert in vielen Dialogen diesen Befreiungsprozess. Stilmässig erinnert vieles an die Hütte, auch inhaltliche Parallelen sind offensichtlich, nicht was die Story selber angeht, aber was die vermittelten Werte betrifft. Grundsätzlich bin ich ein grosser Anhänger aller Versuche, Inhalt nicht trocken-abstrakt, sondern eben narrativ zu vermitteln (vgl. Post Narrative Wertevermittlung). Aber weder die Hütte noch der Schrei der Wildgänse haben mich diesbezüglich voll überzeugt. Zu angestrengt dient meines Erachtens in beiden Büchern die Geschichte als Mittel zum Zweck. Die Geschichte ist das Vehikel um gewisse Werte und Überzeugungen zu transportieren und diese Hintergedanken schmälern den Lesegenuss. Zu fest entsteht der Eindruck, zuerst haben die Autoren festgelegt, was sie vermitteln wollen und nachher darum herum eine möglichst ansprechende Geschichte konstruiert. Geschichten sind nie wertneutral, das ist klar, darum geht es mir auch nicht, aber eine gute Geschichte spricht eigentlich oder sollte eigentlich selber eine so deutliche Sprache sprechen, dass keine exegetischen Ausführungen in Formen von langen Dialogen mehr nötig sind. Damit ich nicht falsch verstanden werde: die Themen von "Der Schrei der Wildgänse" sind anregend, bewusst einseitig und darum geschickt provozierend. Das Buch ist durchaus inspirierend, theologisch betrachtet, aber als Roman kein Page-Turner, der den Leser in den Sog der Geschichte hineinreisst. Habe ich eine zu kritische Perspektive? Wie betrachtet ihr nicht inhaltlich, sondern formal diese Art von theologischer Meinungsvermittlung?
Sam und ich lesen im Moment miteinander "Die Hütte". Wir sind nun in der Hälfte angelangt. Ich freute mich sehr auf das Buch, da so viele davon schwärmten. Wir wollten es aber bewusst erst auf unsere Reise gemeinsam lesen. Am Anfang war ich enttäuscht. Die Sprache des Romans ist so absehbar, die Beschreibungen z. T. fast kitschig. Wie Mack mit seinen Kindern noch auf den Berg geht und die ganze Welt, das Universum, Gott und er eins scheinen, und dann sein Sohn zuerst fast noch etrinken muss, bevor die Tochter ertrinkt, ist einfach "to much". Solche Emotionen kann man auch anders aufbauen... Im Gespräch mit Papa wurden nun aber bereits einige gute Punkte angesprochen und ich bin gespannt auf die weiteren inhaltlichen Aspekte.
Kommentiert von: Judith | 20. November 09 um 07:01 Uhr
@Peter: ich glaube, sie wirken, weil sich viele mit den Personen identifizieren können und weniger, weil die Bücher erzählstechnisch besonders überzeugen.
Kommentiert von: Mike | 14. November 09 um 11:31 Uhr
Stimme Dir voll zu und wundere mich gleichzeitig, dass so simple und alles andere als mitreißende Erzählungen trotzdem so wirken. Meine Befürchtung ist, dass es auch damit zu tun hat, das nur noch eine Minderheit diskursiv "tickt". Das wäre dann aber nicht nur ein gutes Zeichen...
Kommentiert von: Peter | 13. November 09 um 17:59 Uhr
Ich sehe das ähnlich, empfand die Geschichte auch eher als plumb und ein bißchen zu klischeehaft aufgebaut.
Kommentiert von: Samuel | 11. November 09 um 09:18 Uhr