Vielleicht hast du auch schon die Erfahrung gemacht, dass je mehr du über eine Sache nachgedacht hast, desto komplizierter und unübersichtlich erscheint dir plötzlich die Fragestellung. In unserem Netzwerk haben zu verschiedenen Anlässen über „Gemeinschaft“ gebrütet. Ähnlich wie bei der Thematik „Evangelium“ haben wir auch hier einen der ganz bekannten Begriffe des christlichen Vokabulars. Fast alle können darüber Auskunft geben, haben ihre Meinung und Vorstellung, was denn „Gemeinschaft“ bedeutet. Neben unseren eigenen Vorstellungen interessiert uns daher, was die Bibel, vor allem das neue Testament unter „Gemeinschaft“ versteht. Hinter fast allen „Gemeinschaftsstellen“ im NT steckt der griechische Begriff „Koinonia“. In einer Lehrveranstaltung namens „Wort und Wein“ haben wir nun alle „Koinonia“-Stelle untersucht und versucht Zusammenhänge und Verbindendes herauszuarbeiten. Gerne möchte ich euch einige der Beobachtungen vorstellen. Diese sind nicht der Weisheit letzter Schluss, sondern einige Gedankensplitter aus unserem Denkprozess:
Im Klassischen Griechisch, also nicht im NT, bedeutet „Koinonia“ eigentlich eine Business-Partnerschaft, d.h. zum Beispiel zwei Personen besitzen gemeinsam ein Geschäft und sind so verbindlich miteinander unterwegs, weil sie gemeinsame Geschäftsinteressen haben, sie sind Geschäftspartner. Es ist der Ausdruck überliefert „mit dem will ich keine Koinonia“ haben“, meint, mit dem will ich nicht ein Geschäft haben. zwar gibt es im NT keine Koinonia-Stelle mit einer ausgeprägten Businessbedeutung (abgesehen von der mehr karikativen Geldsammlung!). Dafür ist Lukas 5:10 interessant: ” ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.” Simons Gefährten werden als “Koinoni” bezeichnet, ein verwandtes Wort von Koinonia. Eigentlich könnte man diese Stelle auch so übersetzen: Simons Geschäftspartner, meint: sie waren im gleichen Fischbusiness, sie waren Geschäftspartner.
Im NT ist die Breite und Verwendung des Begriffs vielschichtig. Einmal bezeichnet Koinonia die Geldsammlung der Gemeinden von Mazedonien und Achaja nach Jerusalem (Röm 15,26), ähnlich kann es sehr real meinen, Dinge/ Materielles mit Glaubensgeschwister zu teilen (Heb 13,6), einmal bedeutet es „einig sein“, im Sinne wir waren uns einig, einer Meinung (2,9), am häufigsten hat „Koinonia“ die Bedeutung von „Anteil haben an“, z.B. durch Jesus haben wir Anteil am Evangelium, am Heiligen Geist, so können wir „Koinonia“ mit Gott Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist haben. Ja, wir haben sogar Anteil am Leiden von Jesus (eine nicht so coole Variante von Gemeinschaft!). Man kann auch Anteil haben am „Bösen“, an „Sünden“, an der „Finsternis“, auch diese Verbundenheit wird an einigen Stellen mit „Koinonia“ ausgedrückt. Weil wir „Koinonia“ mit der Trinität haben, darum sind wir auch untereinander verbunden, im Sinne, dass wir zusammen Anteil haben, Zugang zur „Trinität“. „Koinonia“ wird gestiftet durch Jesus, sie wird geschenkt, man kann sich sie nicht erarbeiten, erwerben. Sie ist mehr ein Erkennungszeichen (Bild: ein „Bändeli“ an einem Festival, das einem Zutritt z.B. zum Backstage-Bereich erlaubt), dieser gestiftete Zustand hat Konsequenzen auf der zwischenmenschlichen Ebene, dass zum Beispiel teilt, Gastfreundschaft übt, sich den Nöten der anderen annimmt, Anteil nimmt am Leben anderer. Das NT selber bezeichnet aber häufiger (nicht immer!) die Grundlage und nicht die Konsequenzen als „Koinonia“. D.h. die Grundlage hat nichts mit Gefühlen, Gruppendynamik, Wir-Gefühl durch coole Ereignisse / Gemeinschaftserlebnisse zu tun. Diese aufgezählten Eigenschaften sind nicht schlecht, im Gegenteil sie sind wichtig für eine Gruppe, aber sie sind NICHT das, was das NT als „Koinonia“ als „Gemeinschaft“ bezeichnet. „Koinonia“ ist nüchtern, mehr ein aktiver Zustand, eine innere geistliche Verbundenheit ungeachtet der Umstände und Gefühle. Eine Verbundenheit, die dem Christen durch Jesus ermöglicht wird.
Ein wichtiges Zeichen der „Koinonia“ ist das Abendmahl. Hier wird die Verbundenheit mit Jesus und untereinander, die vertikale und horizontale Ebene von „Koinonia“ besonders deutlich (vgl. z.B. 1 Kor 10,16).
Da wir sprachlich mit „Gemeinschaft“ häufig, was anderes meinen als das „NT“ mit „Koinonia“ zum Ausdruck bringt , würde es möglicherweise Sinn machen, für unsere Sehnsucht nach Angenommensein, Dabeisein, „Wir-Gefühl“, „sich integriert“ fühlen, von einer Sehnsucht nach „Freundschaft“ zu sprechen. Denn vieles was wir gemeinhin mit „Gemeinschaft“ bezeichnen, könnte auch sehr gut mit dem Begriff „Freundschaft“ abgedeckt werden.
Es gibt im NT keine Hinweise, dass wir „Koinonia“ auch mit Nichtchristen haben können, Gemeinschaft im Sinne von „Koinonia“ ist nur unter Christen möglich. D.h. aber nicht, dass wir keine Beziehungen zu Nichtchristen pflegen sollen, im Gegenteil. Da passt es meiner Ansicht besser wie oben erklärt von „Freundschaften“ zu sprechen.
Das sind einige Gedankenanregungen. Ich bin gespannt auf eure Meinung!
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